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Kemal und Grass in Berlin: "Wir werden den Herrschenden immer ein Dorn im Auge sein"


Am 9. Mai trafen Yaşar Kemal und Günter Grass, Ehrenvorsitzende des KulturForum TürkeiDeutschland, in der Berliner Akademie der Künste zu einem Gespräch über "Kunst und Literatur in einer Zeit gesellschaftlicher Spannungen" zusammen.

Die seit ihrer ersten Begegnung 1995 in Frankfurt befreundeten Autoren waren zuletzt 2004 in Lübeck zusammen getroffen. Der Abend in Berlin wurde moderiert von Osman Okkan.

Auszug aus dem Gespräch in der Akademie der Künste am 9. Mai 2009




Osman Okkan: 1997 verlieh der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Yaşar Kemal den Friedenspreis, Günter Grass hielt die Laudatio - und dazu gibt es eine Geschichte. Ich möchte Yaşar Kemal gerne bitten, uns seine Sicht auf diese intensive Begegnung und die Ereignisse um die Preisverleihung zu schildern.

Yaşar Kemal: Ich hatte von dem Roman 'Die Blechtrommel' gehört, als dieser noch nicht ins Türkische übertragen worden war, durch meinen Verleger. Und ich hatte das Buch auf Englisch in London auftreiben und durch meine Frau übersetzen lassen. Später, als das Buch ins Türkische übertragen wurde, habe ich es vom Anfang bis zum Ende noch einmal gelesen und war fasziniert von diesem Roman. Die Blechtrommel war in meinen Augen einer der wichtigsten Romane, die ich überhaupt gelesen hatte.

Als mir dann eröffnet wurde, dass ich den Friedenspreis bekommen sollte, sagte mir gleichzeitig der Vertreter des Börsenvereins, dass der Bundeskanzler oder ein anderer wichtiger Politiker die Laudatio halten könnte.

        “Dann übergeben sie den Preis doch einem anderen”

Ich habe gesagt, damit wäre ich nicht einverstanden und dass ich sehr gerne Günter Grass als Laudator hätte. Der Vorsitzende des Börsenvereins damals sagte: Das ist etwas unwahrscheinlich, Herr Grass macht so was nicht gerne. Und ich habe gesagt: Fragen Sie ihn doch bitte, und wenn er nicht akzeptiert, können Sie den Preis ja einem anderen übergeben.

Drei Tage später rief Dr. Kurtze an: Erstaunlich, sagte er, Herr Grass hat das sofort akzeptiert. Ich war sehr froh darüber, denn Günter Grass gilt für mich als einer der bedeutendsten Literaten unserer Zeit. Das war für mich eine große Ehre, dass er diese Aufgabe übernommen hat.

Osman Okkan: Herr Grass, Sie haben mit Ihrer Rede in der Paulskirche hohe Wellen geschlagen, auch in der internationalen Presselandschaft. Sie haben die damalige Bundesregierung wegen der Waffenlieferungen an die türkische Regierung – Waffen, die gegen die Kurden eingesetzt wurden – angeprangert. Sie haben den Satz geprägt: 'Ich schäme mich der Bürger eines Landes zu sein, das zu einem bloßen Wirtschaftsstandort verkommen ist.' Was waren Ihre Beweggründe? Wie hatten sie den Zugang zu Yaşar Kemal gefunden?

Günter Grass: So wie Yaşar Kemal es mir erzählte, sollte damals auf Vorschlag des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Bundeskanzler Kohl die Laudatio halten. Worauf Yaşar Kemal gesagt hat: Nein, ich möchte den Schriftsteller Grass haben.

        "Aus seinen Bücher kommt der Duft der Thymianfelder"

Ich kannte einige Romane in deutscher Übersetzung und habe mich dann, als ich zugesagt hatte, während Wochen mit dem Werk vertraut gemacht. Das heißt, ich bin mit Hilfe seiner Romane mit Anatolien vertraut geworden. Ich bin vertraut geworden auch mit Istanbul.

In all diesen Büchern wird deutlich, wie kompliziert die Probleme sind: Die Vielzahl der Minderheiten, der wechselseitige Hass, die Verfolgung und all das schlägt sich in den Büchern nieder; aber auch gleichzeitig die großartigen Landschaften. Aus all den Büchern kommt der Duft der Thymianfelder.

Ich war von den Romanen regelrecht verzaubert und so hat sich meine Laudatio fast ausschließlich mit seinen Romanen befasst, und dann ging ich natürlich über auch zu dem, was seine politische Stellung betraf. Seine Anfänge als Marxist, sein Eintreten für Minderheiten. Jemand der halb Kurde, halb Türke ist, ist mit diesen Problemen vertraut. Er ist dafür ins Gefängnis geraten, er ist verfolgt worden, er musste sein Land verlassen. Er wurde für mich auch beispielhaft in seinem politischen Verhalten. So kam ich zwangsläufig auf etwas, was natürlich auch uns anging.

        "Nach der Rede waren wir sozusagen isoliert, aber wir
        standen nebeneinander"

Das war nun Mitte der neunziger Jahre und ich kam nicht umhin, deutlich darauf hinzuweisen, dass aus der Bundesrepublik die Restbestände der Nationalen Volksarmee, Schützenpanzer, Panzer, gepanzerte Fahrzeuge, in die Türkei verkauft wurden und mit diesen Fahrzeugen die Kurden bekämpft wurden. Das war der Grund, warum ich sagte, ich schäme mich für mein Land, dass das getan wird.

Ich weiß nicht, ob Sie sich die Gesellschaft in der Paulskirche vorstellen können, die dort jeweils sitzt, wenn der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels vergeben wird. Da ist also auch die ganze Börsengesellschaft, die jetzt abgewrackt hat. Die saß damals im Vollbesitz ihrer Kräfte da und war entsetzt, und nach der Rede waren wir sozusagen isoliert, aber wir standen nebeneinander und seither gründet unsere Freundschaft.

Osman OkkanSie beide verbinden auch erstaunliche Lebenslinien. Sie beide sind bekanntlich nicht in ihrer buchstäblichen Muttersprache groß geworden, sondern in Ihren väterlichen Sprachräumen. Bei Ihnen, Herr Grass, waren es familiäre Gründe, und bei Ihnen habe ich den Begriff Stadtkaschubin zum ersten Mal gehört. Bei Yaşar Kemal war es vor allem die Unterdrückung der Muttersprache, des Kurdischen in der Türkei. Es ist schon eigenartig, dass hier ein Halb-Kaschube und dort ein Halb-Kurde ihre jeweilige Literatur um eine unendliche Vielfalt, um unendliche Raffinesse bereichert haben und immer noch bereichern.

Über Yaşar Kemal gibt es ein Buch, ein Wörterbuch – ein türkischer Sprachwissenschaftler hat es verfasst. Es enthält Redewendungen, Ausdrücke und Begriffe, die Kemal der türkischen Sprache hinzugefügt beziehungsweise ausgegraben hat für die literarische Sprache. Bis heute befruchtet er auf diese Weise die türkische Sprache, die eigentlich nicht seine Muttersprache ist.

Yaşar Kemal: Ich möchte die Bedeutung der Sprache, auch mit der politischen Haltung, die uns zu eigen ist, erläutern. Die Sprache wird ja auch durch die Literatur geprägt und umgekehrt. Meine Familie musste aus Van – das ist eine Stadt im Osten der Türkei, am Van-See in der Nähe des Berges Ararat – auswandern, in anderthalb Jahren sind sie bis Adana im Süden der Türkei gekommen.

In unserem turkmenischen Dorf, in unserem Haus, sollte nur Kurdisch gesprochen werden, und ich erinnere mich, dass meine Mutter mich einmal geohrfeigt hat, als ich mit neun Jahren ein türkisches Wort zu Hause verwendet habe. Aber auf der Straße mussten wir Türkisch sprechen. Und ich musste immer übersetzen.

        "Stendhal hat gesagt, der Romancier müsse sich wie ein
        Protokollant verhalten"

Als meine Verwandten zum Beispiel Klagelieder auf Kurdisch sangen, fragten die türkischen Kinder, was die Texte bedeuten und ich habe ihnen die Klagelieder übersetzt und die Poesie dieser Sprache eigentlich auch dadurch besser begriffen. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass das Verhältnis von Literatur und Sprache sehr eng miteinander verbunden ist. Das erzähle ich auch, um am Beispiel des Kurdischen zu zeigen, wohin die Unterdrückung führt. Aber in meiner Kindheit musste ich zwischen diesen zwei Sprachen immer wieder hin und her schalten.

Die Bedeutung der Sprache für die Literatur wurde mir auch durch Stendhal deutlich, der gesagt hat, der Romancier müsse sich wie ein Protokollant, wie ein Briefeschreiber, der für einen Analphabeten eine Sache schildert, so detailgetreu verhalten. So habe ich selbst auch die Bedeutung der Sprache begriffen: ich war als Briefeschreiber für Analphabeten tätig, in Adana. Wie die Sprache eine Literatur bereichern kann, wurde mir vor allem deutlich beim Vergleich der beiden Sprachen, mit denen ich aufgewachsen bin. Das war prägend für mein Literaturverständnis.

Ich möchte kurz auch auf die Eindrücke eingehen, die ich von einem türkischen Schriftsteller bekommen habe, der ebenfalls Historiker war, in Oxford ausgebildet. Es ist der berühmte türkische Schriftsteller und Aufklärer Cevat Şakir. Bekannt unter dem Namen 'der Fischer von Halikarnassos'.

        "Er hat mir beigebracht, wie man durch Literatur eine Art
        Aufklärung betreiben kann"

Halikarnassos ist der griechische Name für die heute etwas mondäne Urlaubsstadt Bodrum an der ägäischen Küste. Früher, bevor es diese urbanen Strukturen gab, war es ein Ort der Verbannung. Cevat Şakir verbrachte an diesem Ort mehrere Jahrzehnte seines Lebens.

Şakir hat mir sehr viel beigebracht, zum einen über die Geschichte, aber vor allem darüber, wie man mit der Natur und mit der Sprache umgeht, denn er hat sich nicht umsonst der 'Fischer von Halikarnassos' genannt - er wollte dieses Gebiet schützen, weil er dieses Gebiet so über alles liebte und auch in seinen Büchern beschrieben hat. Von ihm habe ich viel gelernt. Was eine literarische Reportage ist, was die Landschaftsbeschreibungen in der Literatur bedeuten, und ich muss sagen, dass er mich sehr beeinflusst und mir beigebracht hat, wie man auch durch die Literatur, die er als eine der schönsten Sachen der Welt beschrieben hat, auch Politik betreiben kann. Wie man durch Romane, durch Literatur, eine Art Aufklärung betreiben kann. Ich bin ihm dafür sehr dankbar und habe ihn immer als Vorbild gesehen.

        "Wer die Lieder eines Volkes schafft, ist mächtiger als der,
        der die Gesetze herbeiführt"

Über ihn habe ich Thales aus Milet kennen gelernt, den griechischen Philosophen, der gesagt hat: Diejenigen, die die Lieder eines Volkes schaffen, sind viel mächtiger als diejenigen, die dessen Gesetze herbeiführen. Ich glaube, das gilt für uns alle. Wir sehen das am Beispiel der Volkslieder, die jene Menschen, von denen sie verboten wurden, überdauert haben.

Das gilt aber auch für die Literatur, für unser ganzes Schaffen. Wir werden den Herrschenden immer ein Dorn im Auge sein, aber wir werden diejenigen überleben, die unsere Werke verbieten oder verbannen. Und ich wollte das ganz deutlich noch mal unterstreichen.


Günter Grass: Das sind sicher Unterschiede. Ich war bei Kriegsende 17 Jahre alt und gehörte einer Generation an, die in der Zeit des Nationalsozialismus aufgewachsen ist und geprägt war davon, verdorben war davon. Ich musste eine Menge Lektionen begreifen. In den unmittelbaren Nachkriegsjahren stand zwar für mich fest, dass ich einen künstlerischen Beruf ergreifen wollte; es zielte damals in erster Linie in Richtung Bildhauerei. Aber entlassen in diese Trümmerlandschaft und betrogen und verlockt von Hoffnungen, was alles geschehen könnte, weil nun endlich Frieden war, waren meine ersten Versuche rein artistischer Art.

Es hat lange gebraucht, eigentlich erst als ich mit meiner Ausbildung als Bildhauer in Düsseldorf fertig war und im Jahr 1953 nach Berlin ging - eine Stadt, die noch sehr stark von Krieg gezeichnet war -, fand ich langsam zu einer eigenen Schreibweise und merkte auch, dass ich zwar dabei war, einen freien Beruf zu wählen, aber in meiner Themenwahl nicht frei war.

        "Natürlich schmerzt so etwas, der Verlust von Heimat"

Das, was diese 12 Jahre Nationalsozialismus für Deutschland bedeuteten, diese Zäsur, Auschwitz, war nicht zu umgehen. Auch mit artistischen Spielereien nicht. Vieles lud in der Zeit dazu ein, sich in irgendwelchen abstrakten Dingen zu verlieren.

Das Thema war unausweichlich, mir war also sozusagen die Thematik vorgeschrieben. Hinzu kam sicher auch, dass durch den Verlust meiner Heimatstadt Danzig, ein Verlust, den ich vom Kopf her akzeptieren musste, denn wir hatten als Deutsche einen Krieg begonnen, verbrecherisch geführt und verloren. Aber natürlich schmerzt so etwas, der Verlust von Heimat. Und ich merkte, dass es mit den Mitteln der Literatur, mit den Mitteln dieser wunderbaren deutschen Sprache, so beschädigt sie war, doch möglich sein müsste, das, was verloren war, wieder entstehen zu lassen. Mit all dem, was dazu geführt hat, zum Verlust, mit all der Vorgeschichte. Die zum Teil auch meine Geschichte war und das hat mich als Schriftsteller beredt gemacht. Neben all dem, was ich weiter machte, Zeichnen und Bildhauerei, drängte sich das Schreiben in den Vordergrund und so ist es bis heute geblieben. Es sind die Dinge, die in unserem Gepäck sind. Ich glaube, dass es Yaşar Kemal ähnlich geht.

(Teil II: "Auf eine andere Weise schlägt sich die Türkei mit einer anderen Art von Völkermord herum")



 












































































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