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Yaşar Kemal (1923-2015)


Unser  Ehrenvorsitzender, Freund, Begleiter, Vorbild und Vorausdenker Yaşar Kemal, eine herausragende poetische und politische Stimme der türkischsprachigen Literatur und Dichtung, die auch im Ausland Beachtung fand, ist von uns gegangen. Am 28. Februar 2015 starb Yaşar Kemal in Istanbul im Kreise seiner Familie.

Günter Grass hatte Kemal als einen Schriftsteller jenseits des Elfenbeinturms bezeichnet. In der Türkei war er unumstritten einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller, eine intellektuelle, moralische und politische Instanz. Trotz oder vielleicht aufgrund seiner multikulturellen Identität, aufgewachsen mit einem türkischen Vater und einer kurdischen Mutter, wirkte er immer auch versöhnend zwischen den Kulturen.

Yaşar Kemal, wahrscheinlich 1923 unter dem Namen Kemal Sadık Gökçeli geboren, war schon als Jugendlicher in seinem Heimatdorf Hermite, nordöstlich von Adana im Süden des Taurus-Gebirges, als Sänger und Dichter bekannt. Man nannte ihn „Aşık Kemal“ (Kemal der Barde). Als junger Erwachsener ging er zunächst nach Adana, schlug sich als Tagelöhner, Hirte und Wasserwächter auf den Reisfeldern durch, arbeitete als Vertretungslehrer in einer Dorfschule, als Briefeschreiber für Analphabeten vor der berühmten Neuen Moschee. Von Adana aus ging er nach Istanbul, wo er anfing, Reportagen über die ausbeuterischen Machenschaften der Ağas, der Grundbesitzer aus seiner Heimatregion, der Çukurova im Süden Anatoliens, zu schreiben, bevor er ein erfolgreicher Romanautor wurde. Der Name Yaşar Kemal war ursprünglich ein Pseudonym, besser: ein Deckname, unter dem seine geradezu revolutionären Reportagen über die Benachteiligten in der türkischen Gesellschaft in der Tageszeitung „Cumhuriyet“ erschienen.

Kemal selbst bezeichnete sich als einen Schriftsteller in der Tradition des Volkes: „So wie das Fleisch nicht vom Knochen, soll meine Kunst nicht vom Volk getrennt werden.“ Wobei die Tradition seines Volkes in der Çukurova und damit auch die literarische Tradition dieser Menschen, von Aufständen und Hinrichtungen, Krieg und Verfolgungen geprägt ist. Das Dorf, in dem Yaşar Kemal zur Welt kam, wurde von Flüchtlingen eines niedergeschlagenen Aufstands gegründet. Während seiner Kindheit sangen die Dörfler weiter die Lieder dieses Aufstandes. Die Lieder und Geschichten waren ihre Waffen, ihr Mittel zum Überleben. In diesem Sinne sei die Literatur dieser Menschen politisch zu verstehen – genährt von den Erinnerungen, Hoffnungen und Ängsten der Bevölkerung, und damit auch in der Fiktion ein Stück des wirklichen Lebens.

„Yaşar Kemal steht in der langen Tradition der großen Epiker von Homer bis Cervantes, hat sich an Dostojewski, Tolstoi und Tschechow, an Stendhal, Flaubert und Faulkner orientiert. Doch er ist keinem anderen modernen Romancier vergleichbar“, schrieb die Süddeutsche Zeitung 1994. Kemals bekanntester Roman „Memed mein Falke“ wurde in über 40 Sprachen übersetzt. Im deutschen Fernsehen wurde 1996 das Filmportrait „Sänger und Chronist seines Landes: Yaşar Kemal“ (ARTE/WDR, Regie Osman Okkan) ausgestrahlt.

1997 erhielt Yaşar Kemal den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels; die Laudatio hielt Günter Grass. Mit Grass teilte Kemal zugleich den Ehrenvorsitz des KulturForums seit seiner Gründung 1993. Neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen wurde Kemal 2008 der Kulturpreis des damaligen türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül verliehen. Kemal erklärte zu diesem Anlass: „Dass mir dieser Preis zugesprochen wird, möchte ich als Zeichen dafür sehen, dass politische Standfestigkeit und der Kampf für Frieden und Menschenrechte nicht länger ein Grund zur Ausgrenzung sind und dass sich allmählich ein Weg zum Frieden in unserer Gesellschaft öffnet.“

Yaşar Kemal hatte sich sein Leben lang mutig und in friedlicher Beharrlichkeit für den Frieden und die Rechte der Minderheiten eingesetzt. Die Kurdenpolitik seines Landes hat er immer wieder scharf kritisiert. Wegen seines politischen Engagements verbüßte er mehrere Haftstrafen und lebte zeitweise im Exil. Mit Günter Grass verband ihn auch die Überzeugung, als Literaten eine politische Verantwortung zu tragen.

Bei einem Zusammentreffen mit dem Nobelpreisträger Grass 2009 in Berlin sagte Kemal: „Kürzlich fragte mich Günter Grass: ‚Was machen Sie mit so vielen Feinden?‘ Und ich habe gesagt: Mit diesen Feinden wird man leben müssen. Denn jeder Schriftsteller, der sich politisch engagiert, hat Feinde. Es ist aber für uns ein Bekenntnis zu unserem Gewissen, und die Schriftsteller, die ein politisches Gewissen haben, sind diejenigen, die ihre Epoche überleben und neue Epochen einleiten.“

Das Büro des KulturForums auf der Niederichstraße in Köln war für ihn „sein Zuhause am Rhein“, wie er es nannte. „Dicht am Wasser, wie am Bosporus.“ Als Freund und großer Dichter bleibt Yaşar Kemal uns in lebendiger Erinnerung.



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